Dissoziative Identitätsstörung

Wenn sich die Identität aufspaltet

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS), früher noch Multiple Persönlichkeitsstörung genannt, ist die gravierendste Form der dissoziativen Störungen. Was Dissoziation bedeutet, wodurch die Erkrankung entsteht und wie sich die Erkrankung äußert, erfährst du in diesem Artikel.

Dissoziation – sowohl Alltagsphänomen als auch Symptom

Unser Kopf ist darauf angelegt, die Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Wahrnehmungen, die wir den ganzen Tage haben, stets in Einklang miteinander zu bringen. Dies nennt sich Integration mentaler Prozesse. Bei der Dissoziation hingegen gelingt diese Integration nicht richtig. Es ist bestimmt jedem schon einmal passiert, dass man im Auto saß oder auf dem Fahrrad, eine bekannte Strecke gefahren ist und man sich am Ende nicht mehr an die Details der Fahrt erinnern kann. Dann haben wir dissoziiert, also unsere Erinnerungen, Wahrnehmungen und Bewusstsein konnten nicht richtig miteinander verknüpft werden. Diese Form der Dissoziation ist jedoch völlig normal und kommt bei fast jedem Menschen vor.

Häufen sich diese Momente, können Menschen sich beispielsweise über längere Zeiträume nicht erinnern, was sie gemacht haben oder haben das Gefühl, ihre Erinnerungen, Gedanken und Empfindungen sind von ihrem Körper losgelöst, spricht man von einer dissoziativen Störung. Es gibt eine Reihe von dissoziativen Störungen mit verschiedenen Schweregraden, die Dissoziative Identitätsstörung ist die ausgeprägteste Form.

Wie äußert sich die Dissoziative Identitätsstörung (DIS)?

Bei der Dissoziativen Identitätsstörung entstehen voneinander unabhängig existierende Ich-Zustände, also Persönlichkeitsanteile, in einer Person. Diese sind meist abwechselnd „im Vordergrund“, das heißt, sie haben die Kontrolle über den Körper und treten mit ihrer Umwelt in Kontakt. Während der Zeit, wenn ein bestimmter Persönlichkeitsanteil vorne ist, können andere Persönlichkeitsanteile Erinnerungslücken haben. Es gibt jedoch auch die Möglichkeit, dass andere Anteile im Hintergrund den Handlungen zusehen können. Das nennt sich Co-Bewusstsein. Dies ist vor allem nach längerer Therapie möglich, wenn den Betroffenen klar ist, dass sie unterschiedliche Persönlichkeitsanteile haben und diese gelernt haben, miteinander zu kommunizieren. Sie können die anderen Anteile als Stimmen in ihrem Kopf hören. Wichtig ist hierbei die Unterscheidung zur Schizophrenie, bei der zwar auch Stimmen gehört werden können, diese kommen allerdings nach Aussage der Patienten aus ihrer Umgebung.

Die Ich-Zustände können völlig unterschiedliche Charaktereigenschaften, Fähigkeiten und Verhaltensweisen haben. Sie haben zum Teil verschiedene Handschriften oder Dialekte. Es können Identitäten jedes Geschlechts sein. Manche altern mit dem Körper, während andere immer auf einem Altersstand stehen bleiben. Es sind auch Identitäten möglich, welche dauerhaft Kind bleiben. Sie verhalten sich dementsprechend. Ist der Kind-Anteil noch sehr jung, kann es sein, dass er noch nicht sprechen kann.

Es gibt einige (noch) unerklärliche Phänomene, die mit der DIS zusammenhängen. Es ist beispielsweise möglich, dass ein Persönlichkeitsanteil existiert, der eine Fehlsichtigkeit hat, während ein anderer gut sehen kann. Wird ein Persönlichkeitsanteil, während er die Kontrolle über den Körper hat, von einer Biene gestochen, kann der Bienenstich verschwinden, sobald ein anderer Anteil wieder im Vordergrund steht. Medizinisch erklärbar ist das nicht, dennoch kommen solche Fälle vor.

 

Wie die DIS entsteht

Die DIS ist eine Traumafolgestörung, die etwa 0,5% bis 1% der Menschen betrifft. Sie tritt nur dann auf, wenn Betroffene in ihrer frühesten Kindheit, also bis zum 5. oder 6. Lebensjahr, schweren traumatischen Erfahrungen ausgesetzt waren. Dazu zählt körperlicher, sexueller oder emotionaler Missbrauch oder Vernachlässigung sowie ritualisierte Gewalt. Dabei stellt die Erkrankung eine Art Überlebensstrategie für die betroffenen Kinder dar. Situationen, die zu belastend und nicht aushaltbar für sie sind, müssen dann nicht von einer einzigen Identität getragen werden. Das Leid verteilt sich auf die verschiedenen, sich dann entwickelnden Persönlichkeitsanteile. Es kann Anteile geben, die viele traumatische Erfahrungen erinnern und welche, die sich an gar keine erinnern können.

Behandlung der DIS

Da die Diagnostik und Behandlung der DIS nicht immer einfach sind, ist es vorteilhaft, sich an einen Therapeuten zu wenden, der sich mit der Erkrankung auskennt und Traumatherapie anbietet. Die Behandlung hat Ähnlichkeiten zu der der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Der Therapeut wird nach einer Phase der Stabilisierung mit der Aufarbeitung der Traumata beginnen. Besonders ist hierbei, dass die verschiedenen Persönlichkeitsanteile alle in der Therapie da sein dürfen und die Kommunikation unter ihnen gestärkt werden soll. Manchmal ist die Integration mehrerer Anteile Ziel der Therapie, sodass ein stärkeres Gefühl von Einheit entsteht. Dabei entsteht entweder ein ganz neuer Anteil, der die Erinnerungen und Gefühle von zwei vorherigen vereint oder ein Anteil nimmt die Erinnerungen eines anderen mit in sich auf. Allerdings ist das nicht immer möglich oder vom Patienten gewollt. Ziel der Behandlung ist außerdem, dass die Patienten im Alltag besser zurecht kommen und lernen, mit der Erkrankung bestmöglich umzugehen.

DIS in der Gesellschaft

Die Dissoziative Identitätsstörung wird gerne in Serien, Horrorfilmen, Thrillern oder Dramen gezeigt. Leider wird manchmal dabei ein sehr gruseliges Bild gezeichnet, das nicht der Realität entspricht. Die Betroffenen werden als übertrieben aggressiv oder absolut unzurechnungsfähig dargestellt. Manchmal werden sie selbst zum Täter. Für Betroffene ist diese Darstellungsweise häufig erschütternd. Zudem fördert es die Stigmatisierung der Erkrankung.

Problematisch ist außerdem, dass manche Ärzte und Psychotherapeuten die Existenz der DIS leugnen. Dabei ist sie schon länger Bestandteil in den gängigen Diagnosewerken wie ICD-10 und DSM-5 und sollte daher ernstgenommen werden. Die Erkrankung ist zudem nicht einfach zu diagnostizieren. Häufig sind Patienten wegen einer Depression, Panikattacken oder anderen psychischen Erkrankungen in Behandlung und die DIS wird dann im Laufe der Therapie erst entdeckt. Die Borderline-Störung oder Schizophrenie sind häufige Fehldiagnosen bei der DIS. Eine angemessene Diagnose und Behandlung kann aber natürlich nicht erfolgen, wenn in den Augen der behandelnden Person die Störung gar nicht existiert.

Julia Klimek
Julia Klimek
Hier schreibt Julia Klimek, Tochter von Nicole Klimek. Ich habe meinen Masterabschluss in Psychologie an der Universität des Saarlandes gemacht und beginne in Kürze die Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin in Verhaltenstherapie. Die Begeisterung meiner Mutter für Psychologie inspirierte mich dazu, Psychotherapeutin zu werden. Trotz meines jungen Alters konnte ich bereits einige Erfahrungen in der praktischen Arbeit mit Patienten sammeln.
Julia Klimek
Julia Klimek
Hier schreibt Julia Klimek, Tochter von Nicole Klimek. Ich habe meinen Masterabschluss in Psychologie an der Universität des Saarlandes gemacht und beginne in Kürze die Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin in Verhaltenstherapie. Die Begeisterung meiner Mutter für Psychologie inspirierte mich dazu, Psychotherapeutin zu werden. Trotz meines jungen Alters konnte ich bereits einige Erfahrungen in der praktischen Arbeit mit Patienten sammeln.
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Klimek - Privatpraxis für Psychotherapie, EMDR und Tiefenpsychologie in Dieburg

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